Im Weinberg des Herrn gibt es keinen Ruhestand

Vor einer Woche begannen bei uns in Baden-Württemberg die Sommerferien. Damit ist das Thema zum spirituellen Impuls für den August eigentlich schon gegeben: Freizeit, Entspannung, Ausgleich zwischen Arbeit und Erholung. Heute nennt man das auf neudeutsch: Work-Life-Balance. Man möchte nicht nur arbeiten, sondern auch leben. Oder mit anderen Worten. Man arbeitet, um zu leben; man lebt nicht, um zu arbeiten.

Ich selbst erlebe das Thema gerade auf einer anderen Ebene. Im Frühjahr war ich bei Mitte 70 angekommen. Da akzeptierte es unser Provinzial, dass ich mein Amt in der Gemeinschaft abgebe und einen Gang zurückschalte.

Im Weinberg des Herrn gibt es keinen Ruhestand. Da sind wir uns alle einig, die das Evangelium kennen. Und dennoch gilt auch für Ordensleute, für in der Kirche beruflich Engagierte, dass die Jahre nicht spurlos an einem vorübergehen. Und so ist es auch normal, dass nicht immer die gleiche Schlagzahl und der gleiche Einsatz möglich sind.

Inzwischen merke ich den Unterschied. Weit entfernt, dass es mir langweilig werden könnte, spüre ich, dass ich doch mehr Spielraum habe, dass es Zeiten gibt, die nicht ausgefüllt sind. Da gibt es bei mir natürlich auch die eine oder andere Idee, wie ich meine neu gewonnene Zeit nützen kann.

Leerlauf stellt Fragen

Oder wäre es vielleicht auch gut, zwischendurch einfach mal wahrzunehmen, dass ich nichts tun muss? Aber ist dann mein Leben noch sinnvoll? Das ist die Frage. Manche Menschen halten es fast nicht aus, wenn sie nicht gefordert sind, beruflich oder persönlich. Für sie heißt Leben oft einzig und allein, tätig sein, eine Aufgabe erfüllen, gebraucht werden. Aber ist dieses Gebrauchtwerden, dieses Aktivsein das Einzige, was meinem Leben Sinn und Erfüllung gibt?

Ich finde, eine Zeit, die auch einmal nicht ausgefüllt ist, ist wertvoll. Sie kann mir auf neue Weise die Frage stellen: Was macht mein Leben aus? Was ist der Sinn meines Lebens?

Wenn es gut geht, kann mich eine Leerstelle in meinem Alltag auf wesentliche Gedanken bringen. Der Sinn meines Lebens besteht eben nicht nur in der Aktivität, im Gebraucht-werden. Der Sinn meines Lebens liegt zuerst in mir selbst. Geistlich gesprochen: Der Sinn meines Lebens liegt darin, dass Gott will, dass ich da bin. Das ist der entscheidende Punkt meines Lebens. Wenn ich diese Wahrheit nicht erfasse, weil ich darauf angewiesen bin, dass ich immer tätig bin, dass ich gebraucht werde, dann kann es sein, dass ich nie den tieferen Sinn des Lebens erahnen oder gar spüren kann. Wenn es dann aber einmal so weit kommt sollte, was Gott verhüten möge, dass ich nicht mehr tätig oder jemand zu Diensten sein kann, dass ich vielmehr auf Dienste anderer angewiesen bin, dann könnte es zu einer harten Landung kommen. Wenn ich dann nicht den Sinn des Lebens in mir selbst entdecke, darin, dass Gott Freude an mir hat, dann bin ich arm dran. Das kann in Depressionen führen.

Ein Übungsfeld

Deshalb ist es wichtig, Leerstellen zuzulassen, im Urlaub wie auch dann, wenn so etwas wie Ruhestand eintritt. Es ist ein Übungsfeld, den Sinn, den tieferen Sinn meines Lebens zu entdecken. Und ihn nicht nur zu entdecken, sondern ihn zu spüren, die Erfahrung zu machen: Es genügt, dass ich da sein darf, dass ich bin; es genügt, dass ich von Gott geliebt bin, bevor ich auch nur einen Finger rühre. Eine solche Erfahrung, nämlich den unendlichen Wert meines Lebens zu spüren, das ist heilsam. Es ist eine zutiefst geistliche Erfahrung.

Pater Konrad Werder SDS