Kürzlich fragte mich ein Anrufer, der vor einer Entscheidung steht, wie er denn herausfinden könne, was der richtige Weg sei, was wohl Gott mit ihm vorhabe und von ihm wolle. Gar nicht falsch! Als gläubige Menschen stellen wir uns an Wendepunkten unseres Lebens durchaus solche Fragen: Was ist der Wille Gottes? Wie kann ich das erkennen? Nicht selten erwarten wir, dass sich Klarheit doch plötzlich einstellen möge, was in der Regel nicht der Fall ist.
Ich hatte gerade in der Predigtvorbereitung für das Fest „Darstellung des Herrn“ (2. Februar) das Evangelium vor Augen, in dem Jesus von seinen Eltern in den Tempel gebracht wird (Lk 2, 22-40). Da begegnen wir dem greisen Simeon, einem Mann, der – „gerecht und fromm“ seit langem auf das Heil wartet. Papst Benedikt XVI. erkennt in ihm einen Menschen, „der in und aus dem Wort Gottes, im Willen Gottes … in der persönlichen Zuwendung zu Gott“ lebt (Jesus I, 91; vgl. ebd. 48-50). Wenn es dann von ihm heißt, dass er „vom Geist in den Tempel geführt“ wurde und dort dem Erlöser begegnet, dann deutet das doch an, dass Gott, wenn wir uns Tag für Tag auf ihn einlassen, führt, dass er Wege auftut, dass er Dinge fügt im alltäglichen Lauf des Lebens. Das gilt es zu sehen. Das ist eine erste Antwort.
Die Prophetin Hanna, die als nächste in dem Kind den Erlöser erkennt, ist nach einem schweren Schicksalsschlag nicht dem Zweifel verfallen, hat sich nicht von Gott abgewandt, sondern der Sehnsucht nach Heil in ihrem Herzen weiterhin Raum gegeben. Auch das ein Hinweis: Festhalten an Gott selbst in schwierigen Umständen.
Und schließlich lehren uns die Eltern Jesu etwas Wesentliches: Maria, die in einer ganz besonderen Beziehung zu ihrem Sohn steht und um dessen Bedeutung weiß, bringt trotzdem das damals für Mütter nach der Geburt vorgeschriebene Reinigungsopfer dar. Man kann das als Ausdruck einer tiefen Demut lesen. Sodann verzichten die Eltern auf ihr Recht, das Kind, das als Erstgeburt „heilig“ ist, also Gott gehört, auszulösen. Indem sie es „darstellen“ – das griechische Wort im Originaltext bedeutet auch „zur Verfügung stellen“, „darbringen“ – übergeben sie es ohne Vorbehalt in Gottes Hände und ermöglichen so, dass dessen Heilsplan sich ganz erfüllt.
Wenn wir also ernsthaft fragen, welches die Voraussetzungen sind, um den Willen Gottes zu erkennen, dann gibt uns der Text wertvolle Hinweise: In der Verbindung mit Gott und in der Erwartung seines Wirkens leben. Seine Führung wahrnehmen in Impulsen, die er uns gibt, und in Wegen, die sich auftun. Auch durch schwierige Phasen hindurch an ihm festhalten. Demut üben und bereit sein, eigene Wünsche und Vorstellungen loszulassen. Über all dem liegt – in den Worten Simeons zum Ausdruck gebracht – die Verheißung des Friedens.
Am 2. Februar begeht die Kirche auch den „Tag des gottgeweihten Lebens“ und richtet damit den Blick auf Ordensleute, Mitglieder von Säkularinstituten, Eremiten, geweihte Jungfrauen, geweihte Witwen. Sich für einen solchen Weg zu entscheiden, stellt in der heutigen Zeit eine große Herausforderung dar. Personen, die im Weihestand leben, stehen nicht über ihren Mitmenschen. Die oben genannten Hinweise gelten auch unter den Bedingungen des üblichen Daseins. Personen des geweihten Lebens können aber, wenn sie den Weg mit allen Höhen und Tiefen gegangen sind und ihren Platz gefunden haben – einen Platz, den es u.U. immer wieder neu und vertieft zu erringen gilt – Zeugnis geben vom Dasein und der Zuwendung Gottes. Sie können anderen in ihrem alltäglichen Ringen und Suchen nach Klärung und Sinn beistehen. Sie können aufrichten, Mut machen, stabilisierend wirken. Indem sie durch ihr freies und authentisches Bekenntnis auf Gott hinweisen, geben sie Orientierung und erfüllen einen wichtigen Dienst gerade auch in einer säkularen Gesellschaft (vgl. Joh. Paul II: Vita Consecrata). Geweihtes Leben ist nichts aus der Zeit Gefallenes. Es hat bis in unsere Gegenwart Berechtigung, Bedeutung, ja Notwendigkeit. Wer diesen Ruf in sich spürt, möge sich in Offenheit damit auseinandersetzen.
P. Wolfgang Sütterlin SDS
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