„Ich bin ganz Ohr!“ sagen wir, wenn wir zum Ausdruck bringen möchten, dass wir unserem Gegenüber unsere volle Aufmerksamkeit schenken.

Wenn wir „ganz Ohr“ sind, dann ist unsere gesamte Person in Anspruch genommen, dann geht es um mehr als um ein rein akustisches Wahrnehmen. Um „ganz Ohr“ zu sein, müssen die unterschiedlichen Dimensionen unserer Person wach sein, mit-hören.

„Hören“ mit der ganzen Person bedarf der Ruhe, des Aushaltens und des präsent Seins auf unterschiedlichen Ebenen. Man muss im Hier und Jetzt sein, bei diesem einen, was wir hören, beim Gegenüber und bei einem selbst. Wirkliche Aufmerksamkeit und echte Zugewandtheit vertragen kein „halbes Ohr“.

Dieses „ganz Ohr“ Sein ist einerseits von Bedeutung, wenn wir angesprochen werden und die Anliegen und Fragen des Gegenüber im Zentrum des Hörens stehen, wenn z.B. Rat gesucht wird. Salomo hat für dieses Hören eine bedeutende Fähigkeit ins Wort gebracht, wenn er betet: „Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9*). Dabei ist „Herz“ im Alten Testament nicht nur der Sitz der Emotion, sondern auch des Verstandes, der Entscheidung, des Wissens, des Urteilens und Planens; im „Herz“ kommt alles zusammen, was mithören soll, um angemessen reagieren zu können.

Andererseits bedarf es dieses „ganz Ohr“ Seins auch, wenn uns etwas gesagt wird, das einen selbst betrifft, insbesondere wenn das Gesagte tiefer geht als eine Information. Einen besonderen Akzent bekommt dieses Hören im Blick auf die Frage, wie es gelingen kann, Gottes Wort für einen selbst zu hören. Die Erfahrung des Propheten Elija auf dem Gottesberg Horeb, dass Gott uns auch im „sanften, leisen Säuseln“ (vgl. 1 Kön 19,12-13) begegnet, bisweilen nur dort zu hören ist, möchte einen Impuls geben.

Diese Formen ganzheitlichen Hörens gilt es immer wieder einzuüben, um auf das hingeordnet zu sein, was einerseits beim Gegenüber umfassendes und zugewandtes Hören benötigt und andererseits uns selbst in der Tiefe bzw. von Gott her anspricht, wobei SEIN grundlegendes Wort an uns ist: „Fürchte dich nicht, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jes 43,1*) – Um dieses Wort Gottes an uns so zu hören, dass es uns trägt, heilt und verändert, müssen wir „ganz Ohr“ sein, denn mit nur „halben Ohr“ laufen wir Gefahr, insbesondere Gottes JA, SEIN Wort an uns zu überhören und damit letztlich unser tiefes Selbst zu verpassen.

Ein denkbarer Vorsatz für das junge Jahr 2026 könnte also sein: „Ich bin ganz Ohr!“

Pater Heribert Kerschgens SDS